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Blog - Aktuelle Neuigkeiten
Integrationsbeauftragte Dr. Doris Lemmermeier beim Dialogforum in Brandenburg an der Havel (Foto: MASGF / ariadne an der spree)

Integration ist und bleibt eine große Herausforderung

22. Oktober 2018/0 Kommentare

Für die Integration von Geflüchteten sind sie unverzichtbar, die engagierten Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler. Wie geht es ihnen? Und wie steht es um das Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe? Diesen und vielen anderen Fragen gingen die Teilnehmenden an Dialogforum in Brandenburg an der Havel und in Eberswalde nach. Wir sprachen mit Dr. Doris Lemmermeier, Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, über ihre Eindrücke.

Die Ehrenamtler investieren sehr viel Freizeit in ihr Engagement für die geflüchteten Menschen. Und dann auch noch Dialogforen. Ist das nicht ein bisschen viel?

Dr. Doris Lemmermeier (DL): Diejenigen, die unser Angebot annehmen, wollen sich mit Gleichgesinnten austauschen, über ihre Erfahrungen reden und auch ganz praktische Probleme klären. Die Integration der aus den unterschiedlichen Ländern zu uns gekommenen Geflüchteten ist eine große Herausforderung. Unterschiedliche Kulturen, Mentalitäten, Sprachkenntnisse oder auch fehlendes Wissen über das Alltagsleben hierzulande treffen auf Vorurteile, oftmals sogar Ablehnung oder auch Angst der Einheimischen vor den Fremden. Vielfach treten die Ehrenamtlichen als Mittler auf. In diesem Spannungsfeld gibt es viele unterschiedliche Erfahrungen. Die Dialogforen bieten Raum, sich darüber auszutauschen, manchmal auch Mut zu machen.

Integrationsbeauftragte lobt breit gefächertes Engagement

Im Dezember 2017 hatte das Sozialministerium die erste umfassende Studie zum Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe im Land Brandenburg veröffentlicht, die vom Urania Landesverband gemeinsam mit Ihnen erstellt worden ist. Können Sie etwas zu den Ergebnissen sagen?

DL: An der Studie beteiligten sich 512 Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler. Die Studie hat eindrucksvoll gezeigt, wie aktiv das Ehrenamt im Flüchtlingsbereich ist, wie breit gefächert die Tätigkeitsbereiche sind, wie stark die humanitäre Motivation ist. Deutlich wurden aber auch die Hürden und Barrieren, vor allem die bürokratischen und die politischen. Den für mich aussagekräftigste Wert der Studie, der wirklich sensationell ist, möchte ich noch kurz nennen: 96,8% der Ehrenamtlichen würden sich wieder für Geflüchtete engagieren, wenn die Situation es erfordert. Das ist wirklich großartig.

Und wie sieht das heute aus?

DL: Im Jahr nach der Studie von Anfang 2017 hat sich nach unserem Eindruck doch einiges verändert. Es haben mehr Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler aufgehört, manche haben auch aufgegeben, es hat sich an manchen Stellen aber auch Frustration breitgemacht. Zum Beispiel dann, wenn integrierte Menschen doch noch abgeschoben werden sollen. Oder bürokratische Hürden immer wieder die ehrenamtliche Arbeit behindern.

Es gibt ein politisches Lager, das derzeit massiv vor „Überfremdung“ warnt, zugleich Ängste und sogar Hass auf ausländische Mitbürger schürt. Was setzen Sie dem entgegen?

DL: Es gab mal eine Zeit, da mussten viele Deutsche ihre Heimat verlassen. Ich denke, dass sie froh darüber waren, in fremden Ländern Aufnahme gefunden zu haben. Das hat etwas mit Menschlichkeit zu tun. Und in Bezug auf „Überfremdung“: In Brandenburg sind im Jahr 2015 noch über 25.000 Geflüchtete in die Landkreise und kreisfreien Städte gekommen, waren es 2016 gut 9.000, 2017 rund 4.300 und im Jahr 2018 bis Ende August 2.000. Da kann man nicht von Überfremdung sprechen.

Während weltweit die Flüchtlingszahlen steigen, gehen sie in Brandenburg, Deutschland und Europa massiv zurück. Gegenwärtig leben 36.800 Geflüchtete in Brandenburg. Fast zwei Drittel kommen aus nur drei Herkunftsländern: Syrien (35%), Afghanistan (17 %) und aus der russischen Föderation (13%). 30% sind schulpflichtige Kinder. Die Mehrheit ist im erwerbsfähigen Alter. Etwa ein Drittel sind Frauen.

Ausbildung, Beruf, Gesundheitsbereich

Wie sieht es nun mit dem Stand der Integration in Brandenburg aus im Herbst 2018?

DL: Die Landesregierung hat im Jahr 2017 das Landesintegrationskonzept überarbeitet und insbesondere im Hinblick auf die geflüchteten Menschen aktualisiert.

Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Hier geht es um die ganze Bildungskette – von der Kita über die Schule bis zur Hochschule. Nur ein Beispiel. Im Rahmen des Landesprogramms „Kiez-Kita – Bildungschancen eröffnen“ stellt das Land zusätzliche Ressourcen für Kitas mit besonderen Herausforderungen zur Verfügung – 2018 sind es 5 Mio. EUR, 2019/2020 sind es 6,5 Mio. EUR. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Integration und Beteiligung von Kindern und Familien mit Flucht- und Migrationshintergrund.

Eine besondere Herausforderung für das Schulsystem war, dass aufgrund der Zuweisung von Geflüchteten in alle Landkreise und kreisfreien Städte auch Schulen mit zugewanderten Kindern und Jugendlichen konfrontiert waren, die bisher überhaupt keine Erfahrung damit hatten. Auch die Hochschulen leisten Bemerkenswertes, um ausländische Studierende und mit ihnen Geflüchtete dabei zu unterstützen, ein Hochschulstudium aufnehmen und erfolgreich abschließen zu können. Hervorheben möchte ich das Refugee Teachers Program der Universität Potsdam. Dieses lange Zeit bundesweit einzigartige Projekt befähigt Geflüchtete, die in ihrer Heimat bereits als Lehrerin oder Lehrer tätig waren, auch in Deutschland an Schulen unterrichten zu können.

Integration gelingt erst wirklich durch Arbeit und berufliche Perspektiven. Viele Ehrenamtliche haben in bewundernswerter Weise den Weg in den Arbeitsmarkt für Geflüchtete geebnet, haben Praktikumsplätze gefunden, Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber überzeugt und Ausbildungsplätze vermittelt. Wichtig ist mir, dass Menschen, die hier eine Ausbildung erfolgreich absolviert haben oder sich in einem festen Arbeitsverhältnis befinden, nicht plötzlich das Land verlassen müssen oder abgeschoben werden. Das ist frustrierend für alle – für die Betroffenen, für die Unternehmen und für alle, gerade auch für die Ehrenamtlichen.

Im Gesundheitsbereich ist es gelungen, die Gesundheitskarte einzuführen. Die Organisation der gesundheitlichen Versorgung von Geflüchteten ist dadurch viel einfacher geworden.

 

Weitere Informationen
Situation des Ehrenamts in der Flüchtlingshilfe – Studie aus dem Jahr 2017 (PDF)

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