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Blog - Aktuelle Neuigkeiten
Darf man das so sagen? (Foto: dpa – Daniel Lukac)

Darf man das so sagen?

10. Januar 2019/0 Kommentare

Hat da etwa jemand »Asylant« gesagt? Und nun? Die Germanistin Prof. Dr. Heidrun Kämper beobachtet am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim den Diskurs über Geflüchtete. Ein Gespräch darüber, wann und wie wir reagieren sollten.

Asylant, Vertriebener, Flüchtling, …

Frau Kämper, wie bezeichnen Sie Menschen, die aus Krisengebieten zu uns kommen?

Heidrun Kämper (HK): Ich bemühe mich, »Geflüchtete« zu sagen.

Sie bemühen sich? Das heißt, Ihnen rutscht trotzdem manchmal ein anderes Wort heraus?

HK: »Flüchtling« ist einfach das gebräuchlichste Wort. Aber im Deutschen bringt man mit der Endung »-ling« eine gewisse Abschätzigkeit zum Ausdruck: Sträfling, Feigling, Schädling sind typische Beispiele. Aus diesem negativen Kontext will man »Flüchtlinge« herausnehmen.

Was halten Sie von »Refugee«?

HK: Ich wüsste nicht, warum man im Deutschen »Refugee« sagen sollte. Aber Deutschland ist ja nicht das einzige Land, in das Geflüchtete kommen. Wenn »Refugee« zu einem Ausdruck würde, bei dem international alle immer sofort wissen, was gemeint ist — das wäre ein gutes Argument dafür, »Refugee« zu sagen.

Es gab auch die Anregung, »Vertriebene« zu sagen, unter anderem, um eine Assoziation zu den 1950er Jahren zu wecken, als Deutsche auf der Flucht waren. Wie finden Sie diese Alternative?

HK: Treffend. Der Unterschied zur Adenauerzeit ist allerdings, dass nun keine Deutschen kommen, sondern Ausländer. Und das bringt Aggressivität in den Diskurs. Aber auch die Menschen, die heute fliehen, haben sich unter schwierigsten Verhältnissen auf den Weg gemacht. Dazu kommt die vollkommene Ungewissheit, was aus ihnen wird, welches Schicksal ihre Familien erleiden. Da kann doch keiner sagen, die kämen her, weil es ihnen Spaß macht.

Kriegsflüchtling, Wirtschaftsflüchtling

Wie es etwa bei der Unterscheidung zwischen Kriegsflüchtling und Wirtschaftsflüchtling mitschwingt.

HK: Der Ausdruck Wirtschaftsflüchtling ist unsäglich. Er drückt eine ganz große Arroganz gegenüber Menschen aus, die in Armut leben müssen. Jeder Mensch will die Verhältnisse, in denen er lebt, verbessern. Es ist ein schicksalhafter Zufall, dass wir in Deutschland leben und nicht gezwungen sind, uns mit existenzieller Armut auseinander zu setzen. Ein persönliches Verdienst ist das nicht.

Man könnte jetzt einwenden: Solange jemand kein Politiker oder Journalist ist, sei es reine Geschmackssache, welche Worte er verwendet. Sie fordern: Jeder ist verantwortlich für seine Sprache?

HK: Ja, auf jeden Fall. Sprache ist ein gesellschaftliches Phänomen. Und was wir bisher an sozialem Frieden im Land hatten, scheint nur eine ganz dünne Schicht gewesen zu sein. Redeweisen aus der aggressiven rechten Ecke machen sich in einer Massivität bemerkbar, dass man nicht mehr von einzelnen Meinungen sprechen kann.

Enthüllt Sprache jetzt, was viele Menschen immer schon gedacht haben?

HK: Die Unterscheidung zwischen dem »Eigenen« und dem »Fremden« ist eine anthropologische Universalie: Das Eigene ist keine Bedrohung. Vom Fremden weiß ich nicht, ob er mir nach dem Leben trachtet. Das ist archaisch, sitzt aber sehr tief. Mein Eindruck ist, dass im Moment das archaische Denken wieder aufbricht.

Und wer archaische Gefühle wie Angst oder Neid empfindet, sagt plötzlich Sachen, die er normalerweise nicht sagen würde?

HK: Viele Menschen haben Angst um ihren Job, um die Zukunft ihrer Kinder. Das kann man nicht einfach abtun. Aber diese Menschen müssen aufgeklärt werden. Niemand verliert seinen Arbeitsplatz oder seine Wohnung, weil wir Geflüchtete aufnehmen. Allerdings: Wenn extreme Rechte so etwas äußern, ist das keine Angst. Wenn die in dieser Weise über Geflüchtete sprechen, schaffen sie sich damit ein kleines Stückchen Macht. Nämlich über jene Menschen, die sie so abwerten.

Negatives Sprechen und physische Gewalt

Kann negatives Sprechen über Geflüchtete und Helfer physische Gewalt auslösen?

HK: Studien zeigen, dass Menschen, die sprachlich sehr aggressiv sind und ihr Gegenüber ständig beleidigen, eine niedrigere Schwelle haben zuzuschlagen. Mit Worten wie »Dreckspack« bringt man sich in eine bestimmte Disposition.

Viele Deutsche wollen keine Tabus brechen und niemanden beleidigen. Oft merkt man aber Unmut über die Unsicherheit, ob sie mit einem bestimmten Ausdruck jetzt danebengreifen. Und über die damit verbundene Verantwortung, sprachlich up to date zu bleiben.

HK: Den Diskurs zur Political Correctness kennzeichnet eine vehemente Sanktionierungsbereitschaft. Da werden Wörter in den Status der nicht-sagbaren Wörter erhoben. Gleichzeitig vermittelt man: Wenn du dieses Wort gebrauchst, bist du ganz böse. Aber Sprache ist unschuldig. Es sind die Sprecher, die Sprache zu aggressiven Zwecken verwenden.

Wenn jemand mit Sprache verletzen will, tut er das also unabhängig davon, welche Wörter er verwendet?

HK: Ja. Umgekehrt stimmt die Schlussfolgerung nicht: Wer »Neger« zu einem Dunkelhäutigen sagt, muss nicht zwangsläufig etwas gegen Schwarze haben. Vielleicht ist es einfach das Wort, das er seit seiner Kindheit kennt.

Trotzdem wäre es schön, wenn bestimmte Wörter aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwinden. Wie sollte ich denn reagieren, wenn jemand in meinem persönlichen Bekanntenkreis zum Beispiel das Wort »Asylant« benutzt?

HK: Erklären, was dieses Wort bedeutet. Thematisieren, was durch den Gebrauch passiert. Sobald ein Wort diskriminierend verwendet wird, kann man mit diesem Argument aufklären und ein Bewusstsein schaffen. Unsere Aufgabe sollte nicht sein, nach Wörtern zu jagen und sie zu verbieten.

Gibt es eine Grundregel, an die man sich halten kann?

HK: Wir reden über Menschen. Und wir haben den ersten Satz unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber mit jeder diskriminierenden Aussage wird die Würde des Menschen angetastet. Wenn dieses Denken unser ständiger Begleiter ist beim Reden über Geflüchtete — ich glaube, dann kommen wir ein gutes Stück weiter.

 

Quelle: politische-bildung-brandenburg.de – zuerst erschienen unter dem Titel „unsäglich“ in „leibniz – das Magazin der Leibniz-Gemeinschaft“ (05. August 2016)

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