Humanismus als Integrationsfaktor: Dr. Thomas Heinrichs (Foto: humanistisch.de)
Interview mit Thomas Heinrichs

Über den Humanismus als Integrationsfaktor

Die Debatte um Integration hat sich in den letzten 25 Jahren von den Ethnien auf Religionen verschoben. Das ist nicht unproblematisch, da dadurch zum Teil Muslime erst geschaffen werden, meint Rechtsexperte Dr. Thomas Heinrichs. Der Humanismus könnte eine Alternative bieten – Humanismus als Integrationsfaktor.

Dr. Thomas Heinrichs ist Mitglied des Präsidiums des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg und publiziert zu rechtlichen Fragen von Religion und Weltanschauung. Er arbeitet als Rechtsanwalt und Mediator in Berlin.

Integration kein spezielles Problem von Migrationsprozessen

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Seit der Aufnahme von rund 1 Million Flüchtlingen wird auch wieder heftig über den Weg zur Integration gestritten…

Thomas Heinrichs (TH): Ich möchte gern eine Anmerkung machen. Integration ist kein spezielles Problem von Migrationsprozessen. Jede Generation, jedes Geschlecht, jede Klasse muss immer wieder neu in ihre Gesellschaft integriert werden, um auf Dauer ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Wenn es in Südeuropa in einer Generation eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent gibt, so ist diese Generation nicht integriert.

Wenn es in China in bestimmten Generationen einen erheblichen Männerüberschuss gibt und diese Männer nicht mehr die Möglichkeit haben, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen, dann sind diese Männer nicht integriert. Die Integration der Arbeiterklasse in die bürgerliche Gesellschaft hat 150 Jahre gedauert und war ein hoch gewaltsamer Prozess, der die Gesellschaft erheblich verändert hat. Demokratie und Sozialstaat sind erst in diesem Prozess entstanden. Der Katholizismus ist in Deutschland erst mit dem Kulturkampf Ende des 19. Jahrhunderts über den Verbandskatholizismus und die Zentrumspartei in die bürgerliche Gesellschaft integriert worden. Integrationsprozesse verändern die Gesellschaft.

Es sind keine Prozesse, in denen jemand seine Identität aufgibt, sondern in denen sich in veränderten sozialen Verhältnissen neue Identitäten bilden. Auch Migranten müssen immer wieder neu integriert werden.

Die Frage ist, wie kann Integration gelingen?

TH: Man muss darauf achten, wie Migranten angesprochen werden. Schauen Sie auf das Thema Religion, das zurzeit so viele Menschen – im Übrigen mit und ohne Religionszugehörigkeit – bewegt. Sprechen wir Migranten aufgrund ihrer nationalen Herkunft als Türken oder Italiener an, so antworten sie als Türken oder Italiener.

Sprechen wir sie dagegen als Muslime oder Christen an, so antworten sie als Muslime oder Christen. Der Integrationsdialog hat sich in den letzten 25 Jahren von den Ethnien auf die Religionen verschoben. Das ist nicht unproblematisch, da dadurch zum Teil Muslime erst geschaffen werden.

Was schlagen Sie vor?

TH: Es wird viel zu oft übersehen, dass es auch unter Migranten viele humanistisch, atheistisch oder agnostisch orientierte Menschen gibt, die in ihren Herkunftsländern wegen ihrer weltanschaulichen Einstellung unter massiver Verfolgung leiden.

Ihnen müssen in Deutschland weltanschaulich orientierte Integrationsangebote gemacht werden. Der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg leistet hier einen wichtigen Beitrag zur Integration der immer größer werdenden Gruppe nichtreligiöser Menschen.

Grundlegende Werte sind nicht religiös – der Humanismus als Integrationsfaktor

Sie wollen als ausgesprochen nichtreligiöser Verband aber auch religiöse Menschen erreichen?

TH: Ich möchte den Gegensatz von religiösen und nichtreligiösen Menschen, den auch Sie gerade hervorheben, gerade nicht in den Vordergrund rücken. Denn die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft – Menschenrechte und Demokratie – sind nicht religiös, insbesondere nicht christlich, sondern humanistisch begründet. Der Humanismus als Weltanschauung hat eine jahrtausendealte Geschichte, in der diese Werte entwickelt wurden. Mit der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft sind diese Werte zu den Grundwerten unserer Gesellschaft geworden. Hierzu bedurfte es eines langen Kampfs gegen die Religionen, insbesondere gegen die Kirchen.

Diese humanistischen Werte müssen der Grundkonsens unserer Gesellschaft sein, der die unterschiedlichen religiösen Positionen umfasst. Diese humanistisch begründeten Werte stehen außerhalb der Konkurrenz der Religionen und können daher grundsätzlich von allen Religionen anerkannt werden. Es ist wichtig, hierauf hinzuweisen.

Wo ist der Zusammenhang?

TH: Zum Beispiel lehnen einige Strömungen des Islam die Menschenrechte und die Demokratie ab, weil sie meinen, diese seien christlich begründet. Dies ist jedoch historisch, philosophisch und juristisch falsch. Menschenrechte und Demokratie sind ein Produkt des Humanismus. Alle Religionen haben humanistische Ansätze. Daher bietet der Humanismus eine Basis, auf der sich auch ein religiöser Grundkonsens herstellen lässt.

Sie meinen, der Humanismus könnte der Kitt sein, der unsere Gesellschaft zusammenhält?

TH: Religionen und Weltanschauungen allein können in modernen Gesellschaften keine unmittelbare Integration der Mitglieder einer Gesellschaft in die gesellschaftliche Ordnung hinein leisten. Wir leben nicht mehr in einer religiös bestimmten Gesellschaft. Zwischen den Religionen und Weltanschauungen und dem säkularen Staat besteht eine Differenz. Diese kann durch die Integration in eine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft nicht unmittelbar überbrückt werden. Dafür müssen bestimmte politische, rechtliche und gesellschaftliche Voraussetzungen und zum anderen bestimmte innerreligiöse Voraussetzungen gegeben sein.

Zum Beispiel?

TH: Alle Religionen und Weltanschauungen müssen rechtlich gleichgestellt sein und politisch gleich behandelt werden. Daran mangelt es in Deutschland immer noch. Die christlichen Kirchen werden weiterhin rechtlich und politisch stark privilegiert, und der Islam ist gesellschaftlich noch nicht voll anerkannt. Auch gegen das Judentum gibt es bei einigen immer noch Vorbehalte. Beides muss sich ändern.

Aber auch die Religionen müssen Voraussetzungen für eine gelingende Integration schaffen. Sie dürfen ihre göttliche Wahrheit in der Gesellschaft nicht als absolute Wahrheit vertreten, sondern müssen bereit sein, die anderen Religionen mindestens zu tolerieren. Zudem müssen sie unsere gesellschaftliche Ordnung, die auf den Menschenrechten und der Demokratie beruht, als Grundlage des sozialen Zusammenlebens akzeptieren.

Religionen haben Desintegrationpotential

Sie haben viele Anforderungen an religiöse Menschen…

TH: Um eine Integration der Migranten zu ermöglichen, müssen auch die Probleme, die eine Integration religiöser Menschen mit sich bringen kann, benannt werden. Da Religionen absolute Wahrheitsansprüche vertreten und sich darauf berufen, ihre Wahrheit von einer transzendenten, den Menschen übergeordneten Instanz zu beziehen, haben sie ein erhebliches Desintegrationspotential.

Ich möchte hierzu ein Beispiel geben. Der EKD-Ratsvorsitzende Henrich Bedford-Strohm hat kürzlich unter Berufung auf Dietrich Bonhoeffer gesagt: »Wo der Staat seinen von Gott gegebenen Auftrag verletzt, muss die Kirche Widerstand leisten«. Nein, der Staat hat keinen gottgebenen Auftrag. Der Staat gibt sich seinen Auftrag im Wege demokratischer Willensbildung selbst.

Wo sehen Sie das Konfliktpotential?

TH: Man kann an der zitierten Aussage das Konflikt- und Desintegrationspotential von Religionen gut erkennen. Es gibt so viele Götter, wie es Religionen gibt, und so viele göttliche Aufträge, wie es Götter gibt. Wenn all diese mit absoluten Wahrheitsansprüchen vertretenen göttlichen Aufträge, die selbstverständlich alle anders lauten, miteinander und dann noch mit dem Auftrag, den der Staat sich selbst gegeben hat, in Konflikt geraten, entsteht eine erhebliche Gefahr, dass eine Gesellschaft auseinanderfällt.

Die vielen Religionskonflikte sind aus der Geschichte bekannt. Ich brauche hier nicht näher darauf eingehen. Eine plurale, säkulare Gesellschaft braucht aufgeklärte Religionen, die um ihre historische Relativität wissen und die Gesellschaft nicht als einen Teil der göttlichen Ordnung begreifen, sondern wissen, dass Religionen Subsysteme der Gesellschaft sind.

Erheben Sie damit nicht Ihre eigene Weltanschauung zum Maß der Dinge?

TH: Nein, dann verstehen Sie mich falsch. Das bestehende positive Potential der Religionen kann durchaus für eine soziale Integration genutzt werden. Aber dafür muss die Politik Religionen sozial einbinden. Sie muss die rechtlichen Grundlagen dafür schaffen. Sie muss gesellschaftliche Kommunikationsprozesse zwischen den Religionen und Weltanschauungen befördern – wie dies das Land Brandenburg zum Beispiel mit dem Bündnis für Brandenburg tut – und sie muss darauf achten, dass die Religionen ihre Geltungsansprüche begrenzen und den Vorrang der staatlichen Ordnung anerkennen.

Religionen darüber hinaus zu fördern ist dagegen problematisch. Dies kann unter bestimmten Umständen dazu führen, dass soziale Desintegrationsprozesse durch Religionen verstärkt werden, denn ein hoher Grad an religiöser Bindung geht bei allen Religionen zumeist mit einem relativ hohen Grad an Distanz zur umgebenden Gesellschaft einher. So hat das kriminologische Forschungsinstitut in Niedersachen noch 2010 festgestellt, dass junge Katholiken mit einem südeuropäischen Migrationshintergrund gegenüber der deutschen Gesellschaft umso distanzierter eingestellt waren, je religiöser sie waren.

Die humanistische Weltanschauung birgt ein solches Risiko nicht. Aus humanistischer Perspektive gibt es keine absoluten Wahrheiten und keine überhistorischen Positionen. Soziale Konflikte können daher nach humanistischem Verständnis nur demokratisch ausgetragen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview erschien zuerst auf der Webseite der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung.

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