Dietmar Woidke: „Integration ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf“

Auf große Resonanz stieß das vom „Bündnis für Brandenburg“ organisierte Dialogforum „Integration durch Bildung gestalten“, das am 28. November 2016 in Potsdam stattfand. Mehr als 250 Bürgerinnen und Bürger waren der Einladung ins Hasso-Plattner-Institut gefolgt, um mit Mitgliedern der Landesregierung, Integrationsexperten, Wissenschaftlern und Vertretern aus Institutionen zahlreicher Landkreise und Städte über Herausforderungen und konkrete Problemstellungen bei der Integration von Flüchtlingen und der Vermittlung von Bildung für Asylbewerber zu diskutieren.

Prof. Christoph Meinel, Institutsdirektor und CEO des gastgebenden Hasso-Plattner-Instituts, spannte mit seinen Begrüßungsworten einen weiten Bogen: „Integration durch Bildung geht uns alle an. Denn durch die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft wird unser gesamtes Leben beschleunigt. Das erfordert von uns allen ein lebenslanges Lernen.“

Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke, auf dessen Initiative das inzwischen landesweit agierende Netzwerk „Bündnis für Brandenburg“ vor einem Jahr gegründet wurde, sagte: „Ich bin stolz, Ministerpräsident eines Landes zu sein, das nicht nur bei der Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch bei der Integration dieser Menschen gut aufgestellt ist.“ Man habe, so Woidke, in Sachen Integration bereits gute Arbeit geleistet, jedoch noch einen langen Weg vor sich. Dietmar Woidke: „Integration ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf.“ Mit dem Blick auf fremdenfeindliche Aktivitäten in anderen Bundesländern betonte der Brandenburger Regierungschef: „Brandenburg ist weder rechtsextremistisch noch ausländerfeindlich. Brandenburg ist und bleibt ein modernes und weltoffenes Land.“ Ausdrücklich dankte Woidke den Lehrerinnen und Lehrern, die in den zurückliegenden 18 Monaten mit großem Engagement dafür gesorgt hätten, die Kinder und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien zügig in das Brandenburger Bildungssystem zu integrieren. Er erneuerte seine Forderung, mit der Integration von Flüchtlingen zügig zu beginnen. Woidke: „Wir dürfen hier nicht unnötig Zeit vergehen lassen. Die meisten Menschen, die zu uns kommen, kommen mit einer hohen Motivation. Diese Motivation muss schnell und umgehend abgefordert werden, ansonsten schlägt die Motivation in Frustration um.“

Große Beachtung fand der Fachvortrag des renommierten Integrationsexperten Prof. Marc Thielen von der Universität Bremen. Thielen sprach sich dafür aus, „alle Flüchtlingskinder, auch die mit unsicherem Aufenthaltsstatus, in Deutschland als Bildungssubjekte“ anzuerkennen. Darüber hinaus mahnte er „ein besseres Verständnis für die von den Flüchtlingen mitgebrachte Bildungskompetenz“ an, um in seiner abschließenden Thesen noch einen Schritt weiter zu gehen: „Die sich gegenwärtig vollziehende Einwanderung wäre ein guter Anlass für eine Reform und Erneuerung unserer Bildungsinstitutionen.“

Kritischer Meinungsaustausch im Podiumsgespräch

In einem Podiumsgespräch unter dem Motto „Von der Willkommenskultur zur Willkommensstruktur“ kam es zu einem ernsthaften und durchaus kritischen Meinungsaustausch über die Wirksamkeit der verschiedenen Bildungsangebote im gesamten Land. Schulleiterin Heidrun Hecht aus Neuruppin berichtete über die zahlreichen kleinen und großen Probleme bei der Integration von Flüchtlingskindern in den Schulalltag. Theresa Pauli, Integrationsbeauftragte des Landkreises Potsdam-Mittelmark, räumte selbstkritisch ein, dass sich die Verwaltung viel mehr als bisher interkulturell öffnen müsse, um die Anliegen der Flüchtlinge besser zu verstehen. Carsten Saß, Bildungsdezernent im Landkreis Dahme-Spreewald, monierte, dass die Zertifizierung von Integrationskursträgern zu zeitaufwändig sei. Zudem kritisierte er die gelebte Praxis, dass sich Kursträger gegenseitig Dozenten abwerben würden. Saß: „Da würden wir uns eine ordnende Hand wünschen.“ Auf Unverständnis stieß in dieser Gesprächsrunde auch die Tatsache, dass Dozenten für Integrationskurse nicht einheitlich vergütet werden, da Bundesprogramme eine höhere Bezahlung vorsehen als Landesprogramme.

Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke freut sich, dass die Teilnehmer des Dialogforums aus dem ganzen Land angereist sind.
(Foto: Marquardt)
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Von der Theorie zur Praxis: Themenworkshops am Nachmittag

Im Anschluss wurde die Veranstaltung in sechs Workshops fortgesetzt. Das Forum „Sprache als Schlüssel der Integration“ gab Einblicke in den Spracherwerb von der frühkindlichen Bildung über Bildungsmöglichkeiten in der Schule bis hin zu vielfältigen Angeboten der außerschulischen Sprachförderung. Der Workshop  „Voneinander-miteinander-füreinander-lernen“ befasste sich mit Fragen der Kommunikation von gegenseitigen Erwartungen, des Verständnisses von Werten und Regeln sowie von kultureller und sozialer Heterogenität. Der Thementisch „Partnerschaft von Haupt- und Ehrenamt“ begab sich auf die lösungsorientierte Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten für die Kooperation von hauptamtlichen Institutionen bzw. Behörden und ehrenamtlichen Helfern im Bereich der Integration. Im Workshop „Weiterbildung und lebenslanges Lernen“ wurden anhand von Praxisbeispielen Einblicke in lokale Weiterbildungsinitiativen für erwachsene Flüchtlinge sowie in die kommunale Koordination von Bildungsangeboten gegeben. Das Forum „Hochschule und Integration“ zeigte konkrete Wege auf, wie Flüchtlinge in Brandenburg erfolgreich studieren können. Der Thementisch „Kulturelle Bildung und Integration“ schließlich widmete sich der Frage des Kennenlernens von Kulturen und der Vermittlung interkultureller Kompetenz.

Zum Ende dieses intensiven und arbeitsreichen Dialogforums versammelten sich die Teilnehmer noch einmal im Hörsaal des Hasso-Plattner-Instituts. Dort zogen Günter Baaske, Minister für Bildung, Jugend und Sport, sowie Dr. Ulrike Gutheil, Staatssekretärin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, ein Fazit der von ihren Ministerien organisierten Veranstaltung.

Günter Baaske: „Wir mussten in Brandenburg innerhalb eines Jahres zusätzlich 7.000 Kinder in die Schulen integrieren. Das ist gelungen, aber es muss noch viel passieren. Wir müssen künftig stärker in Bildungsbiografien denken. Und wenn klar ist, wozu ein Kind in der Lage ist, müssen wir die Eltern besser mit Informationen über die Vielfalt unseres Bildungssystems versorgen, damit am Ende der sinnvollste und richtige Bildungsweg gegangen wird.“

Dr. Ulrike Gutheil: „Das Dialogforum war ein Erfahrungsaustausch, der wichtige Erkenntnisse gebracht hat. Wir haben darüber gesprochen, wo wir besser werden können und wie wir beispielsweise noch mehr Frauen erreichen können. Unsere Aufgabe ist es jetzt, Strukturen geschickt so aufzubauen, damit sie sowohl von deutschen Studierenden als auch von Flüchtlingen genutzt werden können. Eines möchte ich hier noch ankündigen: Im zu Ende gehenden Jahr haben wir 41 Kulturprojekte gefördert. Diese Förderung werden wir auch im Jahr 2017 fortsetzen. Dafür stehen insgesamt 300.000 Euro zur Verfügung.“

 

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